Kein Grund Schelten zu schelten


Schelten-Rundwanderung40 Einwohner, die in der nördlichsten Berner Gemeinde leben wie auf einer Insel.

In diesem Artikel lernst du eine „Insel“ im Jura kennen, von der ich bisher nichts wusste und die ich in einer Rundwanderung kennenlernte.

Ein Zeitungsbericht im April 2017 macht mich auf diesen Teil des Berner Jura aufmerksam. Ein Teil Berns, der keine direkte Verbindung mit dem Kanton Bern selbst hat. Und nur über die Kantone Solothurn oder Jura erreichbar ist.

Wie das denn?

Das willst du sicher selbst erleben! Eine Rundwanderung gibt dir eine Übersicht über diesen Ort. Ein Ort, so unglaublich nah und gleichzeitig so fern.

Dafür fahren wir vom Kanton Solothurn her – durchs Guldental – auf den Pass. Den Scheltenpass.

Kennst du Schelten? Nein?

Dann lade ich dich ein, jetzt mit mir diese „Insel“ im Jura kennenzulernen!

Wir starten unsere Wanderung in Richtung Vorderer Erzberg. Der Kretenweg führt uns durch den Wald. Nach einem Regentag ist es feucht und neblig. Wir befinden uns aber über der Nebelgrenze bei bedecktem Himmel. Verpflegung und Wasser haben wir im Rucksack dabei. Beim Start auf dem Scheltenpass wird aber klar: Restaurants auf dem Weg soll es geben…

Schauen wir mal!

Schelten-RundwanderungSchon nach einer halben Stunde erblicken wir die Bergwirtschaft Vorderer Erzberg. Es ist ein Hof der Alpgenossenschaft Huttwil i.E. So steht es wenigsten angeschrieben.

Die bringen ihr Vieh hierher? Aus dem Emmental?

Fragen können wir nicht. Die Bergwirtschaft hat heute geschlossen!

Auf der gegenüber liegenden Jurakette hören wir einen Alpabzug. Wir hören den Ruf der Sennen und Kuhglocken. Bald können wir auch den ganzen Zug auf der Krete erkennen. Das Echo wird uns noch eine Weile begleiten.

Pferde weiden auf den Wiesen und in deren Weide wandern wir jetzt aufwärts in Richtung Hohe Winde, vorbei an der gleichnamigen Skihütte. Diese hat an den Wochenenden geöffnet.

Schelten-Rundwanderung Bald sind wir oben auf dem 1204 Meter hohen Juraberg. Ah, wunderschöne Rundsicht. Bei klarem Wetter wahrscheinlich Weitsicht bis zu den Alpen. Noch blicken wir auf lauter Nebelmeere, die sich zwischen den Jurahügeln in den Täler halten. Aber die Sonne drückt schon durch. Wir wandern bergab in Richtung Rotmatt, auf Viehweiden. Die Trampelpfade sind feucht und rutschig. Unterwegs treffen wir auf zwei Waldarbeiter, die Gestrüpp aus den Hangwiesen mähen. Der Duft von Holzfeuer steigt in die Nase.

Schelten-RundwanderungRotmatt. Ein grosser, gut gelegener Hof am Hang. Oberhalb des Hofes vorbei werden wir ins Tal der Gemeinde Schelten wandern. Überraschend finden wir einen Picknick-Platz, der von Lehrlingen der Firma DePuy Synthes im 2014 angelegt wurde. Toller Platz mit guter Aussicht. Hier rasten wir und geniessen unsere selbstgemachten und mitgebrachten Sandwiches. So schmecken sie eben am Besten…

Die Sonne ist da. Dazu das Glockengeläut des Viehs vom Hof unter uns.

Jetzt wird die Orientierung kompliziert. Wir wollen runter ins Tal, finden zwar die Hinweistafel Scheltenmüli, aber nicht den Weg. Der Weg und die Markierung enden mit der Tafel. Der Wanderweg ist durch Weidezäune abgeschnitten. Weide für Esel. Und diese Esel blicken uns jetzt entgegen – wie Esel eben.

Wo bleibt der Wanderweg?

Kein Anzeichen von einem Durchgang. Der Bauer hat wirklich ganze Arbeit geleistet. Kein Hinweis und kein Zeichen. Wir sind aufs Kartenlesen und Nachschauen angewiesen. Nach gut einer Viertelstunde wird klar, wo es durch gehen muss. Wir sind richtig. Nach einer Weile finden wir auch wieder die gelben Rhomben an den Bäumen, die uns den rechten Weg anzeigen. Es geht talwärts, dem Bach entlang. Viele Wildkräuter wachsen da. Es wird enger und düsterer.

Wir sind alleine unterwegs. Keine Menschenseele treffen wir unterwegs an, bis auf die beiden Waldarbeiter. Rund 40 Menschen sollen hier leben. Wir fragen uns, wo sie alle sind. Einmal unten angekommen, sehen wir ein Haus auf der linken Seite, das bewohnt zu sein scheint. Aber wir sehen niemanden. Dann die Hauptstrasse.

Und vor uns ein grosses Gebäude. Die Scheltenmühle.

Bald einmal ist uns klar: Das ist das Dorf Schelten. Es gibt zwei Häuser direkt an der Strasse. Dieses grosse Gebäude – ein ehemaliges Restaurant, das zum Verkauf steht – und das gerade beschriebene Wohnhaus. Vorne links die Ortstafel und rechts ebenfalls, die nächste Ortschaft ist Mervelier im Kanton Jura.

Es wirkt düster hier. Ringsum gehts die Hügel hoch. Der Platz an der Stelle, wo wir stehen, reicht gerade für den Bach, die schmale einspurige Hauptstrasse und – den zu verkaufenden Hof. Dieser Hof mit Restaurant sieht gut aus und bietet von Aussen viel Potential für schöne Projekte. Das sehe ich schnell, schaue aber auch über den Tellerrand hinaus.

Ein etwas düsterer Ort. Ohne zuviel Sonne. Wäre nichts für mich.

Das also ist Schelten.

Eine Hinweistafel an der Strasse führt uns zur Gemeindeverwaltung, die den „Dorfkern“ bildet mit Schule, Verwaltung, dem Feuerwehrmagazin, einem Briefkasten und sonstigem Mehrzweckraum. Alles in einem. Zwei Autos stehen da. Eine weitere Tafel informiert uns über einen speziellen Partyplatz irgendo in den Hügeln. Dieser hat es wirklich in sich… Sehr spannend.

Was macht eine Gemeinde aus?

Schelten ist eine Streusiedlung. Um die 13 Häuser und Höfe und 40 Menschen leben versprengt ringsum und jeder auf sich gestellt. Es gibt keinen Dorfladen, –restaurant oder Post, wo sich die Menschen treffen und Sozialleben pflegen können. Ich lese, dass Sozialleben ab und zu bei einem Lagerfeuer im Wald stattfinde. Es gibt keine eigentliche Dorfinfrastruktur.

Diese 40 Menschen haben sich dafür entschieden, hier zu leben, geht mir durch den Kopf. Und dafür gibt es Gründe. Viele Gründe. Und dafür gibt es auch keinen Grund zur Schelte…!

Wir wandern weiter und gelangen zu einem weiteren grossen Hof. Mir fallen auf: drei Traktoren und fünf Personenwagen. Dazu einige alte, sichtbar ausgediente Fahrzeuge und sonstige Gerätschaften, die auf einem Stück Eckland abgestellt und seit längerer Zeit wohl auf Entsorgung warten. Daneben: zwei plätschernde Bäche. Das Haus befindet sich in einem Loch und der Name ist wohl Programm. Lärm dringt vom Haus her zu uns. Kein Mensch zu sehen.

Unser Impuls: weg von hier. Mir ist unwohl. Wir steigen bergan. Einen langgezogenen Waldweg nach oben. Was wir runter gewandert sind, geht nun wieder hoch. Je höher wir kommen, desto besser können wir wieder atmen.

Rotlach. Wieder grosser Hof. Überrascht erkennen wir am Haus auch ein Wirtshausschild. Ich schaue auf meine Karte. Auf der Karte ist der Hof tatsächlich als Restaurant gekennzeichnet. Es ist sichtbar nicht (mehr) in Betrieb! Wagen und Anhänger ohne Nummernschilder stehen herum. Die Fenster am Haus sind schmutzig. Als wir um die Hausecke biegen, gibt ein grosser Hund an, fletscht seine Zähne – uiiihhhhh bösartig. Gottlob, er ist angekettet. Das ist definitiv keine Einladung, hier zu rasten. Gestank. Aha – Schweine. Misthaufen und weitere Fahrzeuge.

Wo ist der Wanderweg? Schnell weiter gehen ist der Impuls.

Endlich finden wir ihn zwischen Scheune und Haus und das auch nur wegen der Wandertafeln. Oberhalb des eines Gebäudes treffen wir auf drei Menschen.

Zwei Männer und eine Frau. Einige Meter weiter am Boden sitzt tatsächlich ein Baby!

Wir grüssen. Eine Antwort?

Wir wandern weiter bergan. Den Wanderweg müssen wir uns durch das Sumpfloch suchen, das wohl die Schweine verursacht haben. Ihr gutes Recht. Vom Waldrand schauen wir zurück: Das hintere Gebäude ist zugedeckt mit Mozzarellas. Damit sind die weissen und grünen Silobälle gemeint, die heutzutage überall herumliegen. So was wie hier habe ich noch nicht gesehen. Solch eine Menge, das grosse Gebäude verschwindet fast darunter und dahinter.

Solch ein Hof. So gross. Solch eine grossartige Lage am Berg! Solch eine Aussicht! Solch eine Rundsicht! Und – mir wird „gschmuch“, was meint, dass ich Geschichten rieche, die nicht von Leben, sondern von Überleben erzählen. Wir wollen weg hier.

Unsere Richtung ist der Scheltenpass, der Ausgangsort unserer heutigen Rundwanderung. Der nächste Berg ist der Matzendörfer Stierenberg, den wir nach ungefähr 20 Minuten Waldweg erreichen.

Die Welt verändert sich augenblicklich und sofort als wir aus dem Wald treten. Unglaublich, aber wahr. Auf der gegenüberliegenden Jurahügelkette erblicken wir viele Wanderer. Auch hier weidet Vieh, aber schon die Zäune erscheinen uns wieder anders.

Wir sind aus einer anderen Zeit im Jetzt angelangt.

Durchatmen. Frische Luft. Sonne. Och, das tut gut.

Obwohl wir hinten auch Sonne hatten. Aber nur in der Höhe. Unten kam sie gar nicht richtig durch.

Wir orientieren uns neu. Und das geht jetzt auch besser. Das tut gut.

Hinter dem Waldgürtel hatten wir Mühe damit. Wussten nie, wo wir uns befinden. Keine Anhaltspunkte. Fixpunkte. Unmöglich.

Wir wandern in Richtung des gleichnamigen Restaurants. Wirklich, die Zäune und Durchgänge sind anders. Kaum vorstellbar. Wirken gepflegter. Da sind Menschen, die uns bei der Ankunft fröhlich grüssen…

Was für ein Unterschied!

Das Haus selber scheint alt, aber gepflegt. Willkommensgruss: „Schön das cho besch“. Wow!

Schelten-RundwanderungWir treten ein und sind völlig überrascht. Eine fröhliche Crew bedient uns in einem kürzlich umgebauten Restaurant. Das ist ein Wechsel wie von Nacht auf Tag!

Das ist Erholung bevor wir den Abstieg zum Scheltenpass unter die Füsse nehmen. Der Kreis schliesst sich für uns. Am Scheltenpass werfen wir einen letzten Blick runter nach Schelten, in die sich wunderbar herbstlich verfärbenden Wälder. Ein Traum von Indian Summer. Dahinter – eine ganz andere, eigene Welt.

Wir fahren los. In Ramiswil fühle ich mich definitiv wieder in der Zivilisation angekommen.

Schelten – ein Rückblick

Diese Wanderung war mir ein besonderes Erlebnis. Sie gibt einen wunderbaren Überblick über die Gemeinde oder die Siedlung. Es ist ja kein Ort im herkömmlichen Sinn. Gemäss meines Zeitungsartikels suchen die Scheltener neue Einwohner, was ich sehr gut verstehen und nachvollziehen kann. Diese Rundwanderung kann durchaus der Entscheidung dienen.

Sie zeigt dir einerseits, was für eine herrliche Aus- und Rundsicht nach allen Richtungen du hast, bist du oben auf den Hügeln wie zum Beispiel der Hohen Winde, des Stierenberg oder der Rotmatt. Da gibt es noch einige andere Hügel. Es gibt viel Natur und Ruhe für Rückzug. Du bist wirklich weg von allem Trubel.

Die Rundwanderung zeigt dir auch das Gegenteil.

Nämlich ein enges, düster wirkendes Tal, das keine Orientierung zu haben scheint. Wenn du da drin bist, dann bist du da drin. Ein vergessenes Tal. Willst du hier leben, dann willst du das auch wirklich. Und du musst dir bewusst sein, was das bedeutet.

Schelten ist eine Streusiedlung, die keine sicht- und wahrnehmbaren Zusammenhalt zu haben scheint. Viele Höfe sind oben an den Hängen angesiedelt – aus gutem Grund. Ein solches Leben muss dir gegeben sein.

Ich habe nichts bemerkt, was sichtbar hergestellt und verkauft, kein Handel der betrieben würde, auch nicht nach Aussen. Aus der Gemeinde Seehof (Nachbargemeinde von Schelten) beispielsweise kenne ich einen Fischzüchter, der auf die Märkte am Jurasüdfuss geht, um seine hervorragenden Forellen und Saiblinge zu verkaufen.

Von was leben die Menschen hier?

Knapp 40% leben von der Land- und Forstwirtschaft, lese ich. Die Kühe seien die Lebensader. Ich vermisse da aber zum Beispiel Verkaufsstände von irgendwas an den Wegen und der Hauptstrasse, wie wir das heute kennen. Also ein Zeichen von Innovation. Von gesunder Kreativität.

Was mir von Anfang an auf dieser Wanderung wirklich auffällt, ist die grosse Unordnung an den meisten Orten. Unordnung und einen Geruch nach vielen Geschichten, die mit Überleben zu tun haben. Das ist unglaublich schade.

Unordnung ist nicht zwingend schlecht. Aus Unordnung kann sehr wohl etwas Neues entstehen. Man muss das aber erkennen, verstehen, und daran arbeiten wollen.

Meine späteren Recherchen für diesen Wanderbericht fördern Artikel zutage, die von diesen Geschichten erzählen:

Kannst du in Schelten deine Freizeit verbringen? Dieser Teil des Berner Jura ist keine touristische Attraktion. Dazu fehlen jegliche Angebote. Du kannst dort aber wandern. Das Wanderwegnetz rund um Schelten ist sehr gut erschlossen. Viele Wanderwege führen an den Höfen vorbei. Und das könnte ein Potential sein für dort lebende Menschen.

Teile der Wanderwege wurden von Bauern aber komplett eingezäunt, so dass sie unkenntlich sind. Ich habe persönlich absolut nichts dagegen, wenn selten begangene Wanderwege in Weiden integriert werden. Aber Zeichen und Hinweise wären trotzdem angebracht. Auch wenn die Arbeit keine Direktzahlung einbringen sollte. Einfach nichts zu tun finde ich sehr schade und kurzfristig gedacht, wenn Besucher angezogen werden sollen. Es ist eine Haltung in der Landwirtschaft, die ich leider schon oft angetroffen habe und möglicherweise auch hier verbreitet ist.

Grundsätzlich bestätigt sich mir einmal mehr, dass Gegenden und Landschaften ihre Menschen anziehen, beeinflussen und auf sie wirken können. Ich selber reagiere auf dieses düstere Tal und weiss, ich würde keinesfalls hier leben wollen: zu eng, zu düster, zu unwohl. Es wäre nicht mein Ding.

Aber da ist trotzdem Potential – für andere Menschen.

Danke, dass du mit mir um Schelten gewandert bist. Bis zum nächsten Mal irgendwo im Jura…

Rundwanderzeit: 4,5 Stunden
Verpflegung: Aus dem Rucksack, Bergwirtschaft Vorderer Erzberg, Bergwirtschaft Matzedörfer Stierenberg, Skihütte Hohe Winde

Hast du in irgendeiner Form Bekanntschaft oder Erfahrungen mit diesem Flecken Erde gemacht, teile dies doch in einem Kommentar mit.

Eine andere Geschichte zum Scheltenpass hier: Der Mord am „Wahlestich“

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